Dufry: Fokus auf Emerging Markets

Dufry-Shop am Flughafen.
pd
Stocks: Herr Díaz, wenn wir auf die Dufry-Aktie schauen, sehen wir für die vergangenen zwölf Monate eine tolle Performance. Warum war es so interessant, in die Titel zu investieren?
Julián Díaz: Sehen Sie: Unser Aktienkurs hat in den letzten Monaten 2008 und zu Beginn des Jahres 2009 sehr gelitten. Da wurden wir vom schlechten Marktumfeld erwischt. Detailhandel, Reise, zudem ein Small-Cap – das waren alles Faktoren, die nicht gerade für ein Investment in unsere Gesellschaft sprachen. Dabei war unser Unternehmen offensichtlich das gleiche wie zuvor – wir sind gewachsen. Und mit jedem Quartalsbericht 2009 haben der Finanzmarkt und die Analysten mehr und mehr verstanden, das sich fundamental nichts geändert hat. Die Gesellschaft befindet sich jetzt in einer besseren Position, da wir 2009 unseren Effizienzplan umgesetzt haben, und das spiegelt sich im Aktienkurs wider. 2010 fokussieren wir wieder auf dieselbe Strategie wie schon vor 2009: profitables Wachstum.
Was bedeutet das?
Wir kehren zurück zu denselben Geschäftsprinzipien mit drei Säulen unseres Wachstums. Für uns stellt sich die Frage: Wie generieren wir neues Geschäft, das uns hilft, das Unternehmen weiter profitabel zu machen? Von 2003 bis 2008 ist die Gesellschaft 25 Prozent pro Jahr gewachsen. Zehn Prozentpunkte dieses Wachstums waren organisch, fünf Punkte entfielen auf neue Konzessionen und zusätzliche Verkaufsflächen und zehn bis elf Prozentpunkte beruhten auf Akquisitionen. Das sind die drei Säulen unserer Strategie. Und das Dufry-Management hat entschieden, diese Prinzipien 2010 fortzusetzen – organisches Wachstum, neue Konzessionen, Akquisitionen.
Können Sie einen Hinweis darauf geben, wie schnell Sie wachsen werden?
In den letzten Monaten 2009 haben wir 15000 Quadratmeter Handelsflächen eröffnet. Und wir haben Verträge für weitere 5000 Quadratmeter unterschrieben. Das ist mehr als in anderen Jahren: Normalerweise haben wir unsere Verkaufsflächen um fünf bis sieben Prozent pro Jahr aufgestockt. 2009 waren es rund 15 Prozent. Die Situation stellt sich für uns insofern gut dar, als wir unser Wachstum beschleunigen können. 2009 war ein herausforderndes Jahr, in dem die Zahl der internationalen Fluggäste um etwa 4,5 Prozent gesunken ist. Aber wir sehen für 2010 Signale, dass die Zahl dieser Passagiere um 3,5 bis vier Prozent steigen wird. Das ist die aktuelle Situation, und Investoren werden das zu schätzen wissen.
Aber der Detailhandel zeigt sich weiter schwach…
Ja, wir sind Detailhändler, aber im Reisesektor. Im Oktober, November und Dezember 2009 haben wir eine deutliche Verbesserung bei den Ausgaben je Passagier gesehen – ein wichtiger Indikator in unserem Geschäft. Diese Verbesserung hat sich in den ersten Wochen des laufenden Jahres fortgesetzt. Im Klartext: Das Verhalten der Kunden hat sich geändert, ihre Art zu denken…
Erkennen Sie geographische Unterschiede?
Wir sind eine global tätige Gesellschaft, und wir sehen tatsächlich Regionen – wir sind regional organisiert – die sich besser entwickeln als andere. So performen die Emerging Markets besser als reife Märkte. Gut entwickeln sich Russland und Eurasien, Südamerika, Teile der Region Zentralamerika & Karibik. Weiterhin schwach zeigt sich Europa. Aber: Zu Beginn des Jahres 2010 sah es auch dort besser aus. Der einzige Markt, der immer noch schlecht dasteht, ist die Britische Karibik.
Sie haben das Dufry-Effizienzprogramm angesprochen – wie viel sparen Sie damit?
Im ersten Halbjahr 2009 waren es mehr als 27 Millionen Franken, in der zweiten Jahreshälfte ebenfalls substanzielle Einsparungen. Für uns kam es dabei darauf an, vor allem im Fixkosten-Bereich effizienter zu werden.
Vor wenigen Wochen haben Sie einige Verträge unterzeichnet, in denen es um Geschäfte in Ägypten, Frankreich, den USA und in Honduras geht.
Wir haben Folgendes gemacht: Wir haben uns auf Regionen fokussiert, in denen wir Volumen generieren können. Und wir werden das 2010 in den Schwellenländern und an touristischen Destinationen fortsetzen. In den Emerging Markets werden wir gewaltige neue Flächen eröffnen. Die wichtigsten Regionen für uns sind dabei Russland, Eurasien, Indien und China. Und wir haben auch eine enorme Entwicklung in Südamerika – ich glaube, es gibt auch dort gute Möglichkeiten. Schwierig, aber ebenfalls mit guten Chancen für Dufry sehe ich die Karibik.
Südamerika bringt mich auf einen anderen Punkt: Wie hat die Schweinegrippe Ihr Geschäft beeinflusst?
In spezifischen Regionen und zu spezifischen Zeiten hat sie unser Geschäft beeinträchtigt. Wir hatten signifikante Auswirkungen in Mexiko zwischen April und Juli 2009. Und wir hatten im Juli einige Probleme in Brasilien, was unglücklich war, denn der Juli ist dort für uns ein wichtiger Monat. Dann sind dort Ferien und normalerweise machen sich viele Brasilianer auf den Weg nach Argentinien oder Chile. In anderen Regionen jedoch haben wir keine Einflüsse gesehen.
Es gab Ende Dezember den vereitelten Anschlag auf eine Maschine von Amsterdam nach Detroit. An jedem Flughafen wird seither das Thema Sicherheit noch grösser geschrieben. Spürt Dufry das?
Nein, überhaupt nicht. Ich kann da keine Auswirkungen erkennen. Was geschehen ist, ist bedeutsam, aber die Sicherheit an den Airports wird ohnehin von Tag zu Tag verbessert. Und das ist gut für alle – für die Passagiere, für die Unternehmen vor Ort… Alle Geschäfte – zumindest die meisten – befinden sich ja «airside», also hinter den Sicherheitskontrollen. Daher sehen wir dort eine recht sichere Situation. Und auch wir haben eine Menge für die Sicherheit getan, etwa spezielle Anforderungen an die Ware erfüllt. Wir folgen da allen Auflagen der Behörden. Aber besonderen Einfluss auf unser Business hatte das nicht.
Und Sie persönlich fühlen sich jetzt auch sicherer, oder?
(lacht) Ja, das tue ich, weil ich ja praktisch jeden Tag fliege…
Sie expandieren nicht nur in andere Regionen, sondern operieren auch in komplementären Märkten. Wo sehen Sie Potenzial?
Mit der Übernahme von Hudson in den USA…
…im Jahr 2008…
…haben wir eine riesige Chance wahrgenommen, um unser Geschäft in eine neue Richtung zu erweitern. Hudson ist ein Reise-Detailhändler, der „duty paid“ Produkte vertreibt. Dufry selbst konzentriert sich ja auf das Duty-free-Business, dass heute rund 62 Prozent unseres Umsatzes ausmacht. Aber da gibt es eben auch noch 38 Prozent, die aus dem verzollten Geschäft stammen. Die Zahl potenzieller Dufry-Kunden lag vor der Akquisition bei etwa 500 Millionen. Diese Zahl ist begrenzt, denn um in Duty-free-Geschäften einkaufen zu können, muss man internationaler Fluggast sein. Mit Hudson haben wir unser Konzept erweitert und können nun alle Passagiere, auch die inländischen, bedienen. Damit wächst die Zahl potenzieller Kunden auf 1,5 Milliarden, also auf das Dreifache. Zudem öffnet Hudson uns eine Weg zu anderen Vertriebskanälen, zum Beispiel in Bahnhöfen.
Da haben Sie vor zwei Monaten einen grossen Schritt gemacht.
Ja, mit Grandi Stazioni in Italien. Da haben wir einen Vertrag für 18-Jahre unterschrieben, der es uns erlaubt, Convenience-Läden in den 13 grössten Bahnhöfen zu betreiben – einschliesslich Mailand, Rom, Turin und Bologna.
Wie sieht denn Ihr Vertriebsmix heute aus?
Wir machen mehr als 80 Prozent unseres Umsatzes an Flughäfen. Dann erwirtschaften wir sechs Prozent an Bord von Kreuzfahrtschiffen und fünf bis sechs Prozent an Bahnhöfen. Und wir erwarten einen wachsenden Umsatz von Geschäften an Passantenlagen, wie wir sie in der Karibik besitzen.
Dufry wurde zuletzt oft vorgeworfen, zu hohe Schulden zu haben. Da hat sich die Situation verbessert?
Früher, vor der Krise, war man kein gutes Unternehmen, wenn man nicht ordentlich Schulden machte. Dann kam die Krise und wir befanden uns in einer anspruchsvollen Situation, da wir einen hohen Fremdkapital-Anteil hatten. 2009 haben wir die Verschuldung deutlich reduziert. Als wir Hudson gekauft haben, hatten wir eine Verschuldung wie nie zuvor: Im Spätherbst 2008 lagen unsere Schulden bei rund 940 Millionen Schweizer Franken. Bis September 2009, dem Datum des letzten Quartalsberichts, haben wir diese Schulden um 300 Millionen auf 643 Millionen Franken abgebaut – und das in einem äusserst schwierigen Umfeld. Ich bin mit dieser Situation sehr zufrieden.
Allerdings haben Sie sich im Zusammenhang mit der Transaktion um Dufry South America verpflichtet, eine Extra-Dividende auszuschütten…
Ja, und die wird natürlich den Verschuldungsgrad wieder erhöhen, aber das gehört zur Entwicklung des Unternehmens einfach dazu. Wir werden insgesamt rund 300 Millionen Dollar ausschütten. Davon bleibt der grösste Teil in der Gesellschaft, da wir grösster Anteilseigner an DSA…
…Dufry South America…
…sind. Aber 49 Prozent dieser Dividende werden verteilt – und diese 147 Millionen Dollar erhöhen unsere Schulden, stimmt.
Was bringt Ihnen eigentlich der Zusammenschluss mit DSA? Die Gesellschaft war doch ohnehin bereits konsolidiert.
Voll konsolidiert, ja. Der Vorteil liegt in der Kombination mehrerer Gründe. Das Wichtigste ist meiner Meinung nach, dass wir mit dieser Transaktion die Interessen aller Anteilseigner zusammenführen. Man muss ganz einfach sehen: Bei zwei kotierten Unternehmen gibt es schon mal Missverständnisse, unterschiedliche Ansichten über die Strategie… Grund Nummer 2: Wir verbessern dadurch die Organisation der Unternehmen. Und schliesslich ist auch die strategische Flexibilität von Bedeutung. Natürlich hatten wir mit der Vollkonsolidierung bereits ein finanzielles Abbild der gesamten Gruppe. Aber erst mit dem Zusammenschluss wird es einfacher, Strategien flexibler umzusetzen.
Und es gibt Auswirkungen auf die Aktie.
Richtig, und die sind wichtig. Die Marktkapitalisierung der neuen Gesellschaft wird – abhängig vom Aktienkurs – bei fast zwei Milliarden Franken liegen, derzeit sind es etwa 1,2 Milliarden. Und der Streubesitz wird 62 Prozent dieser zwei Milliarden betragen, das sind 1,2 Milliarden im Vergleich zu den derzeitigen 600 Millionen. Ich denke, dieser Anstieg beim Free float wird die Handelsumsätze bei der Aktie klettern lassen, ja, sie sind schon jetzt deutlich nach oben gegangen: In der Vergangenheit hatten wir Umsätze von 1,5 Millionen Franken pro Tag in der Schweiz und etwa vier Millionen Dollar in Südamerika. Heute sind es bereits vier Millionen in der Schweiz und das Doppelte in Südamerika. Das vereinfacht den Handel und die Performance des Kurses.
Sie haben über den Handel in Südamerika gesprochen – was wird mit den Dufry-Zertifikaten in Brasilien, den BDRs?
Mit der Transaktion können wir die neuen Regeln übernehmen, die seit Januar 2010 gelten. Die derzeit gültigen BDRs erfüllen diese Regeln nicht, weil eine der Anforderungen ist, dass sich mehr als 50 Prozent des Vermögens einer mit BDRs in Brasilien kotierten Gesellschaft sich im Ausland befinden müssen. Das ist bei Dufry South America nicht der Fall. Dagegen werden die BDRs der neuen Dufry AG diese Regeln erfüllen. Also: Wir wollen als Dufry AG in Brasilien kotiert bleiben, nicht aber als Dufry South America.
Investoren können also BDRs in Brasilien oder Aktien in der Schweiz kaufen?
Ja, und diese Flexibilität wird Dufry meiner Meinung nach für neue Investoren attraktiv machen.
Wie würden Sie denn solchen neuen Investoren die Vorzüge von Dufry-Aktien erklären?
(lacht) Also erstens: wir sind zu nah an der nächsten Pflichtveröffentlichung…
…am 26. März…
…als dass ich unsere Aktien verkaufen könnte. Aber lassen Sie es mich so sagen: Dufry ist eine Gesellschaft, die für alle Anleger interessant ist, die nach einer Wachstums-Story suchen. Und sie ist interessant für alle, die ein Exposure in den Schwellenländern suchen. Sehen Sie: 70 Prozent des Ebitda macht das Unternehmen in den Emerging Markets – das ist ein signifikanter Anteil. Und für wen diese beiden Aspekte wichtig sind, für den ist Dufry ein attraktiver Investment Case.
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