
Uwe Lang
Steigen die Kurse 2010 stark oder nur leicht? Oder fallen sie, stark oder leicht? Ich kann mich nicht erinnern, dass die Erwartungen zu Beginn eines neuen Jahres so unterschiedlich waren wie diesmal. In der Regel war es so, dass es eine dominierende Meinung gab, wohin sich die Aktienkurse bewegen würden. Die war jeweils stark geprägt von der Erfahrung des abgelaufenen Jahres - und war meistens falsch. Als Beispiel nenne ich die Euphorie Anfang 2000, den leichten Optimismus Anfang 2008 oder den starken Pessimismus Anfang 2003 und Anfang 2009. Was erwartet uns 2010?
Wenn man sich in letzter Zeit die Kommentare der Börsenzeitschriften betrachtet, bekommt man manchmal das Gefühl, es sei ein Glaubenskrieg zwischen Bullen und Bären entbrannt. Doch was soll das? Wer Recht hat, das wird man dann an der Börse schon sehen. Deshalb ist es müssig, sich zu streiten. Im Grunde ist es ja ganz einfach: Jeder, der mit Aktien handeln will, muss sich entscheiden, welchen Indikatoren er trauen will. Langfristig orientierte Anleger verweisen mit Recht auf die niedrige Bewertung europäischer Aktien und die weltweit hohe Liquidität an den Kapitalmärkten. Derzeit drohen aber zwei Gefahren, die gleichzeitig bekämpft werden müssen. Das sieht jedenfalls der Chef der US-Zentralbank, Ben Bernanke, so, weshalb seine Äusserungen zeitweilig auch so widersprüchlich klingen:
- Inflation, bedingt durch die hemmungslose Geldmengen-Ausweitung der USA zu Zeiten seines Vorgängers Alan Greenspan.
- Neue Rezession, also Schrumpfung des Sozialprodukts.
Die meisten Kommentatoren halten inzwischen die Inflationsgefahr für grösser als jene eines erneuten Abgleitens der Wirtschaft in die Rezession. So brachte das US-Wachstum im vierten Quartal 2009 starke Zahlen (+5,7 Prozent), und in Deutschland gingen nicht so viele Arbeitsplätze verloren wie erwartet. Zudem meldete der IFO-Geschäftsklima-Index im Januar wieder ein neues mehrjähriges Hoch. Dennoch gab es zuletzt eher Kursverluste aufgrund von Befürchtungen, das Konjunkturklima könne sich weltweit abschwächen und die Arbeitslosigkeit weiter steigen.
Unsicherheit liegt offenbar im Zuge der Zeit, so dass Anleger und selbst angesehene Wirtschaftsmagazine immer wieder auf die Hilfe von Astrologen setzen, als ob die Zukunft in den Sternen stehe. «Astro-Börsenbriefe» gibt es ja bereits, und sie scheinen immer zahlreicher zu werden. Es ist ja schon seltsam genug, dass nicht nur die Sterne Auskunft geben sollen, sondern auch die Charttechnik - dass also gelernte Betriebs- und Volkswirte nicht mehr die inneren Werte von Unternehmen analysieren, sondern nur noch danach fragen, ob Trendlinien von Börsenkursen intakt sind. Diese Kursmuster sind ja auch bequemer und schneller zu ermitteln als die Lage einer Firma! Selbst Top-Manager trauen sich (trotz ihrer Millionen-Gehälter) ohne die Hilfe von ausserbetrieblichen Beratungsdiensten und sogar von Sterndeutern offenbar nichts mehr zu. Jedenfalls war dies vor einigen Jahren in der «Wirtschaftswoche» zu lesen: «Immer häufiger holen Manager bei wichtigen Entscheidungen den Rat von Sterndeutern ein.»
Im September des vergangenen Jahres sollte nach Meinung des Astrologen Robert Müntefering (nicht zu verwechseln mit dem deutschen SPD-Politiker) ein Drama auf die Börsen zukommen, ein Finanzcrash, «nur mindestens um eine Dimension grösser als die Lehman-Pleite und damit systembedrohender. Die Auswirkungen werden so dramatisch sein, dass es natürlich ein Überschwappen in andere Bereiche geben wird.» Der Grund sei eine sogenannte Saturn-Uranus-Konstellation. Es werde aber noch nicht zu einem totalen Kollaps kommen, sondern erst weitere Dramen im November 2009, im Sommer 2010, und dann endgültig im Frühjahr 2011.
Ich nehme an, nachdem sich der September und November als absolute Fehlprognose herausgestellt haben, werden Ihnen die noch bevorstehenden Daten auch kein Kopfzerbrechen machen. Oder doch? Jedenfalls bin ich recht erstaunt, wie es die Astrologen immer wieder schaffen, in seriösen Magazinen zwischen fundierten Analysen Platz zu finden.
Ich halte Astrologie auch auf das menschliche Individuum bezogen für eine sehr fragwürdige Sache. Wenn aber Astrologen, wie 2007 geschehen, dann auch noch versuchen, aus der Geburtsstunde des DAX (1. Juli 1988) Hinweise für den weiteren Verlauf oder gar heutigen Verlauf der Kurse herauslesen zu können, dann ist das schon der Gipfel! Was hat die Gründung des DAX mit den Aktienkursen der in ihm enthaltenen Unternehmen zu tun? Wenn er statt des DAX einen beliebigen anderen Index nimmt, zum Beispiel den FAZ-Index, dann kommt er wohl zu ganz anderen Ergebnissen für den weiteren Kursverlauf? Andere Astrologen gehen daher lieber so vor, dass sie mit den Geburtsstunden einzelner Unternehmen rechnen. Aber auch das halte ich für Unfug.
Und dies geschieht in einer Zeit, in der angeblich alles planbar, vorhersehbar und machbar ist! Doch die Kompliziertheit wirtschaftlicher Daten und Vorgänge scheint viele Menschen doch zu überfordern. Da wurde im Januar hastig und kopflos verkauft. Dabei sind wichtige Indizes wie etwa der SMI und der DAX erst am Anfang einer Erholung von ihren Kursstürzen der Jahre 2008/2009. Kaum gibt es nach einem vorläufigen Anstieg Konsolidierungsformationen, lassen sich sofort wieder viele Anleger total verunsichern, verkaufen panikartig und fragen nach Wahrsagern.
Es wäre schön, wenn sich die sogenannten Finanz-Astrologen mal für einen Zeitraum von mindestens drei Jahren stellen und auf Grund von Astrosignalen (nicht aufgrund anderer Indikatoren!) im Voraus klare Ausstiegs- und Einstiegspunkte für irgendeinen Index benennen. Dann könnte man sehen, ob sie besser oder schlechter als ein Daueranleger abgeschnitten hätten. Eine solche Studie ist mir bisher nicht bekannt - gibt es wohl auch nicht, sonst wäre sie längst veröffentlicht.
«Vorhersehen» kann man an der Börse überhaupt nichts. Man kann nur die Lage analysieren und sich immer wieder fragen, ob nach allen bisherigen Erfahrungen in der aktuellen Börsenlage für längere Zeit die Hausse- oder die Baissekräfte überwiegen werden. Nach wie vor bin ich der Meinung: Die meisten Anzeichen sprechen für eine weitere «mittelfristige» Erholung der meisten Aktien, bezogen auf einen Zeitraum von sechs bis 18 Monaten.
Uwe Lang ist Verfasser und Herausgeber der Börsensignale, eines in der Schweiz, Österreich und Deutschland erscheinenden Börsenbriefs. Näheres unter www.boersensignale.ch
Indizes im Artikel
| 5.928,63 | -8,09 | -0,14% | ||
| 10.611,84 | 44,51 | 0,42% | ||
| 6.851,73 | -21,86 | -0,32% |
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