Von Marcus Dankert, 02.07.2009
Kritische Anleger sind im Vorteil

Bild: ZVG
Die Kostenstrukturen im Private Banking sind intransparent. Doch dieKrise wird zu einem Umdenken bei den Banken führen.

Der «Beinahe-Super-Gau» im Bankensektor hat die Verletzlichkeit des tief in sich selbst verwurzelten Systems offenbart. Was noch vor gut einem Jahr als reines Problem des US-Investment Banking wahrgenommen worden war, hat sich mittlerweile zu einem strukturellen Wandel des gesamten Bankwesens entwickelt. Ob weniger Risiko im Investment Banking, mehr Transparenz im Private Banking oder besserer Service im Retail Banking – eines ist allen gemein: Unter dem noch immer frischen Eindruck des Fast-Kollapses des globalen Finanzsystems begehren die Kunden auf. «Den Nimbus der Unfehlbarkeit haben die Banken und ihre Berater bei den Kunden schon längst verloren», urteilt Bruno Verstraete, Chef der 2003 von ihm gegründeten Nautilus Invest in Zürich.

Vor allem im Bereich des Private Bankings wird der Strukturwandel tiefe Spuren hinterlassen, denn dem Kundenbedürfnis nach mehr Transparenz auf allen Ebenen werden sich die Banken anpassen müssen, wenn sie nicht Gefahr laufen wollen, das margenträchtige Geschäft zu schwächen. Ein zentraler Punkt dieses Wandels dürften nicht zuletzt die komplexen Kostenstrukturen des Private Bankings sein. Denn sollten sich die allgemeinen Prognosen in puncto Performances der Anlageklassen bestätigen, werden Anleger ihren Blick verstärkt auf die Kostenstruktur ihres Engagements richten. In den guten Zeiten fielen ein paar Prozentpunkte mehr oder weniger angesichts eines zweistelligen Gesamtzuwachses des Portfolios kaum auf, doch nun werden Anleger zu Recht jedes Kostenprozentpünktchen hinterfragen. Entsprechend nüchtern hält die Migros Bank in einer Untersuchung fest, dass die Kunden wesentlich kostensensitiver geworden seien. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch die ETH Zürich in einer jüngst vorgestellten Studie.

Das Potenzial zur Kostensenkung bei Private-Banking-Mandaten ist bereits heute gigantisch, wie die Migros Bank in ihrer Analyse zu Vermögensverwaltungsgebühren feststellt. Je nach Strategie und Vermögen können die Kosten zwischen den untersuchten Instituten um über 185 Prozent differieren (siehe Tabelle). In nackten Zahlen ausgedrückt: Während ein Investor mit einem Anlagevolumen von 500 000 Franken bei der Migros Bank mit 3500 Franken All-in-Gebühren konfrontiert wird, schlägt bei der Credit Suisse eine Minimalgebühr von 10 000 Franken zu Buche. (Wobei allerdings nicht alle Institute offiziell ein Mandat für unter eine Million Franken offerieren; so fehlt ein solches Angebot bei UBS, Sarasin und Vontobel.)

Was auf den ersten Blick bereits als eklatanter Gebührenunterschied erscheint, wird im Lauf der Zeit ein wahrer Performance-Killer. Denn aufgrund des Zinseszinseffektes summieren sich bereits relativ geringe Gebührenunterschiede über mittlere Frist zu enormen Differenzen bei der Vermögensentwicklung. Ein Rechenbeispiel zeigt, wie massiv die Unterschiede werden können: Bei einem investierten Vermögen von einer Million Franken, einem Anlagehorizont von zehn Jahren, einer Bruttorendite von vier Prozent und einer All-in-Gebühr von zwei statt 1,2 Prozent ergibt sich eine Vermögensdifferenz von satten 100 000 Franken. Die Zahlen machen eines deutlich: Für Private-Banking-Kunden ist es unabdingbar, sich im Vorfeld einer Mandatsentscheidung einen genauen Überblick über die Kostenstruktur des Vermögensverwaltungsauftrags zu verschaffen.

Allerdings: Die Kostentransparenz ist bei den meisten Banken sehr gering. Für den Kunden besteht kaum eine Möglichkeit, die Kosten der verschiedenen Anbieter zu vergleichen, denn die meisten Banken geben die Tarife erst nach einer persönlichen Kontaktaufnahme bekannt. Und selbst der eigentlich branchenfreundliche Dienst myprivatebanking.com kommt in einer aktuellen Untersuchung zum Schluss, die meisten Banken hätten zwar mittlerweile sogenannte Flat-Tax-Tarife eingeführt, jedoch lauerten überall noch versteckte Kosten auf die Kunden. Ein Problem, dessen sich die Banken zwar bewusst sind, das aber nur zaghaft angegangen wird.

Problematisch sind die Börsencourtagen, die einen nicht zu unterschätzenden Kostenfaktor darstellen und nur bei den wenigsten Banken in den All-in-Gebühren erfasst werden. Noch wichtiger ist jedoch, dass «die Banken endlich offen über die generelle Kostenzusammensetzung informieren» – eine Forderung, die zunehmend aus der Branche selbst zu hören ist. Damit im Zusammenhang steht vor allem das allgegenwärtige Problem der sogenannten Retrozessionen.

Einfach ausgedrückt: «Als Retrozession lässt sich etwa eine Zahlung verstehen, die von einer Bank an einen Vermögensverwalter zurückfliesst, der seinen Kunden Produkte jener Bank verkauft hat – die Bank verzichtet gleichsam zugunsten des Vermögensverwalters auf einen Teil ihrer vereinnahmten Kommissionen. Der Vermögensverwalter darf diese Rückflüsse allerdings nur dann für sich behalten, wenn dies vorgängig zwischen ihm und seinem Kunden vertraglich vereinbart worden ist.» So lautet die gängige Definition der Retrozessionen.

Unabhängigkeit sieht anders aus. «Die sogenannte offene Struktur ist ein Lippenbekenntnis der Industrie – mehr nicht», sagt Verstraete. Selbst wenn der Berater neben den hauseigenen auch Produkte von Drittanbietern empfiehlt, so hat er doch im Vorfeld des Gesprächs eine Vorauswahl getroffen, die zu seinen Gunsten ausfallen dürfte, so Verstraete weiter. Das Problem ist seit Jahren bekannt. Doch auf eine selbstauferlegte Transparenz der Banken zu hoffen, scheint in diesem Fall vergeblich. Es gibt Bedarf an Druck von aussen, sowohl von Kundenseite als auch von regulatorischer Seite, um in diesem Punkt Offenheit zu erreichen.

«Private Banking ist personalisierte Vermögensverwaltung, die auf den individuellen Bedürfnissen des Kunden basiert. Aber in vielen Fällen ist schon der Private-Banking-Vertrag zwischen Kunde und Bank nur ein Standardwerk. Das sagt vieles über das Verhältnis der Banken zu ihren Kunden aus», kritisieren Vertreter hinter vorgehaltener Hand. Ein Tipp aus der Branche: Kunden sollten versuchen, vor Abschluss eines Private-Banking-Vertrages einzelne Passagen des Vertragswerks zu ändern. Wenn man diese Wünsche mit der Floskel abschmettert, dass das Standardverträge seien und diese nicht geändert würden, sollten die Interessenten sich ernsthaft Gedanken über ihre Stellung als Kunden machen. Anleger sind gut beraten, wenn sie ihre Macht als Kunden ausspielen, denn die Banken verdienen ausgesprochen gut an der Privatkundschaft.

Entsprechend schmerzhaft sind Kunden- und somit Vermögensabflüsse für die Bank; der Fall UBS zeigt geradezu beispielhaft, wie sehr ein massiver Kundenabfluss schmerzt. Die lancierte Charmeoffensive und das Bekenntnis zum Schweizer Heimatmarkt sind nicht zuletzt das Ergebnis dieser Erfahrung. Verstraete: «Lange Zeit haben die Kunden den Banken blind vertraut; wohin das geführt hat, haben wir alle gesehen, und viele Anleger haben es im Depot gemerkt. Nun ist es an den Banken, den Kunden gegenüber wieder alte Werte wie Vertrauen, Achtung, Individualität und vor allem Transparenz zu zeigen. Fragen Sie nach, wenn Sie ein Produkt nicht verstehen, beharren Sie auf regelmässigen Treffen und seien sie kritisch – in allen Punkten.»

Die Krise – so schmerzhaft sie für Anleger, Banken und Realwirtschaft auch sein mag – hat auch eine gute Seite: Die Position der Kunden gegenüber den Beratern dürfte nachhaltig gestärkt werden und die gesamte Branche zu einem Umdenken in puncto Transparenz führen.

Das führende Anleger-Magazin der Schweiz
Fundierte Informationen aus der Welt der Finanzen und Märkte. Analysen, Hintergründe und Anlagetipps.
Alle 14 Tage in Ihrem Briefkasten.

Jetzt abonnieren

Archivsuche

Suchbegriff(e)Ausgabe
HeadlineVolltext
Zeitlich begrenzen:
von bis

Wie bewerten Sie diese Seite?   schlecht       sehr gut